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Franziska.ch > Jakobsweg > Schweiz > 31. März Tannay - Genf





"War also gestern überhaupt nicht in Schreibstimmung, das Essen kam auch sehr schnell. Bin irgendwie ein wenig weiter als die geplante Etappe gelaufen und musste deshalb im einzigen Hotel des kleinen Dörfchens übernachten.

So, und jetzt sitze ich in Ronnys kleiner Wohnung in Genf. Es hat mich heute morgen noch ca. 4 Stunden gebraucht, um hierher zu kommen. Das Wetter war auch superschön bis zum Nachmittag. Irgendwo in einem Dorf hielt ein bunt bemalter Deuxchevaux neben mir und die Frau darin fragte, ob sie mich bis Genf mitnehmen solle. Ich lehnte dankend ab, sie wünschte mir noch alles Gute und fuhr weiter.

Heute Nachmittag bin ich in Genf rumgerannt. Ich wollte mir was zu anziehen und ein paar Schuhe kaufen. Das habe ich auch. Hab mich voll stressen lassen und hatte enorme Entscheidungsschwierigkeiten. War eben schon lange nicht mehr einkaufen, sicher zwei Monate. In einem Buchladen war ich auch, aber das mit der Frankreich-Planung wird nicht einnfach werden. Muss da morgen nochmals hin. Ins Internetcafé will ich auch und Karten schreiben sollte auch noch drin liegen.
Obwohl, am liebsten würde ich morgen schon wieder loslaufen. Ich vermisse das Gewicht am Rücken und den Rythmus des Laufens jetzt schon.

Seit heute Nachmittag bin ich also wieder in der anderen Welt. Das hat angefangen, als ich mich im McClean umezogen und geschminkt habe. Andere Dinge scheinen jetzt wieder wichtiger zu werden. Ich habe Mühe. Hier zählen andere Werte, oder ich habe wenigstens das Gefühl, ich lasse sie zählen. Und merke, wie man niemals mithalten kann. Immer noch mehr Kleider, immer noch schöner aussehen, immer noch mehr Spass im Ausgang, immer noch mehr und mehr und niemals wird man zufrieden werden so, weil man eben immer noch eins drauf setzen muss.

Ich habe nicht gerne diese grossen Städte. Die Geschwindigkeit, die Hektik und alles, was angeboten wird, überfordert mich. Ich fühle mich nicht wohl. Auch nicht mit neuen Kleidern und Schuhen.
Als Pilgernde, mit meinem Rucksack und dem Stock bin ich etwas Besonderes. An meinen schmutzigen Schuhen und Hosen erkennt man, dass ich gehe. Wenn ich mir begegnen würde, würde ich mich beneiden. Ich würde mir wünschen, das auch zu können.
Womit habe ich denn jetzt Mühe? Hier in dieser Welt holen mich diese Wertvorstellungen wieder ein, ich lasse sie mich ergreifen und kann sie nicht abschütteln, obwohl ich gerne wollte. Ich kann hier aber nicht mithalten, bin nichts besonderes sondern fühle mich als kleines nichts.
Ich möchte am liebsten nicht mitmachen, aber wenn ich hier leben will, bin ich gezwungen, oder werde von der Gesellschaft verachtet. Das stresst mich. Ich bin also unfrei. Als Pilgernde kann ich alles machen, wie ich es möchte. Ich kann nichts falsch oder richtig machen, sondern nur so, wie ich es angebracht finde. Ich kann ohne weiteres in den Socken ins Restaurant gehen, wenn mir die Füsse weh tun. Ich fühle mich gross und stark als Wanderin. Ich bin, was ich bin.
Ich glaube, jetzt könnte ich gar nicht zurück gehen. Ich glaube, in St.Gallen würde es mir nicht anders gehen. Aber, wann kann ich denn wieder nach Hause? Werde ich mich vielleicht so ändern, dass ich es nicht mehr könnte, dass ich nicht mehr mitspielen kann? Jetzt habe ich jedenfalls sehr Mühe damit, ich weiss, wie es anders sein kann. Wenn ich unterwegs bin, bin ich voll zufrieden. Hier sehe ich nur noch, dass ich für die Mode zu dick bin, zuwenig Haare habe, billige Kleider trage, keinen guten Job und kein Geld habe."