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Franziska.ch > Jakobsweg > Schweiz > 2. April Pause in Genf





"Ausgeweint habe ich noch nicht. Ich versuche, meine Gedanken und Gefühle zu ordnen, aber sie lassen sich nicht erfassen. Mir wird fast schwindlig, es ist zuviel.

Der weitere Weg setzt mich jetzt enorm unter Druck. Nein, eigentlich nur ich mich selber. Ich habe keinen Führer für Frankreich gefunden, deshalb habe ich mir 1:100'000 Karten für die Region bis Le Puy gekauft. Da sind auch ein paar Wanderwege drin, aber nur wenige. Ich habe Angst, den Weg nicht zu finden, obwohl ich ja gehen kann, wo ich möchte. Also eine sinnlose Sorge.

Ich habe gestern zuviel getrunken, deshalb fühle ich mich heute nicht sehr gut. Daran stresst mich, dass ich es geschehen lassen habe. Ich mag das Betrunkensein gar nicht mehr. Man trinkt nicht, weil man Durst hat. Man trinkt, weil man seinen Geist verlullen will. Was nützt das einem? Warum möchte man seine Gedanken vernebeln? So kann man ja nichts mehr mit ihnen anfangen. Und warum vergiftet man seinen Körper? Möchte man ichn los werden? Man spührt ihn ja so nicht mehr. Was ist nur mit jemandem los, der sich so verachtet? Der das wertvollste, sich selber, das einzige, was er hat, so erniedrigt? Es nicht zu schätzen weiss? Warum kann man nichts mit sich selber anfangen? Warum versteht man sich nicht? Warum hört man nicht auf sich? Warum sucht man im Materialismus sein Glück, in Büchern seine Antworten, in der Wissenschaft die Weisheit? Das alles ist doch IN einem. Man hat alles was man braucht, Wissen, Energie, Kraft, Liebe, in sich selber.Aussen wird man es nicht finden. Jetzt macht es mich traurig, wenn ich meine Gesellschaft ansehe.

Beni hat gemeint, ich solle die Weltwochen anfragen, ob sich wöchentlich einen Bericht von mir veröffentlichen würden. Ich weiss nicht. Was würde ich denen schon schreiben? Bin von da nach da gelaufen, Punkt. Und so ganz persönliche Sachen sicher nicht. Und wen würde das schon interessieren? Und was hätte ich davon? Meine Eindrücke und Erlebnisse kann ich sowiso nicht weitergeben, ich könnte höchstens davon erzählen. Aber ich denke, dass nur ganz wenig Leute etwas damit anfangen könnten. Ich glaube, viele können meine Welt nicht verstehen, oder sich vorstellen. Ich finde sie schon krass anders als die vohrige.
Aber die Adresse von der Redaktion habe ich und es reizt mich sehr, vielleicht mal einen kleinen Text zu schicken und zu fragen, was sie davon halten. Mal sehen.

Schreiben tut mir immer sehr gut, es hat mich etwas beruhigt. Konnte etwas ordnen.

Beni hat mir gestern gesagt, dass er Michelle geküsst hat. Ich habe gelacht und hielt es für einen Aprilscherz. Was ich damit anfangen soll, hab ich mich gefragt. Weiss es immer noch nicht aber mache mir deswegen keine Sorgen, es wird schon was bewirken, wenn es muss, hab' ja Zeit."
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"Mit Beni, und das zu merken macht mich glaub auch so traurig, aber bin ich eben auch froh, erleichtert, habe ich glaub schon abgeschlossen. Uff, das ging ja schnell, und das ich das schon merke! Dieses Küssen ist von dem her eine willkommene Sache. Zur Rechtfertigung ist es sehr praktisch."
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"Und eben, eigentlich finde ich den Stand der Tatsachen, im Bezug auf Beni, ganz gut so. Nach einem wunderschön romantischen Wochenende würde es mir vielleicht schwer fallen, weiterzugehen. Jetzt ist es umgekehrt, ich freue mich umso mehr. Habe das befreite Gefühl, jetzt einen hindernden Strick los zu sein, jetzt vom letzten (war glaub auch der einzige) Anker befreit zu sein. Jetzt werde ich noch viel leichter gehen, niemand hält mich mehr zurück, nichts mehr zum nachtrauern und vermissen. Das tönt jetzt blöd, natürlich vermisse ich noch Sachen und Personen, aber das ist anders, das ist angenehmes vermissen, nicht zurückreissendes. Ich bin wirklich sehr froh, freue mich wahnsinnig und bin schon wieder ganz aufgestellt. Jetzt kann ich mich so richtig reinstürzen, wenn ich mich getraue, hab eben heute noch ein wenig Schiss, weil ich noch nicht weiss, wie das in Frankreich läuft. So, und jetzt habe ich mir die Seele vom Leib geschrieben (blöde Aussage) und muss jetzt noch was zu trinken organisieren, das viele reden macht durstig!"